10.jpg"Kala" 2007 - CD Review:
Maya Arulpragasam ist auf der Straße angekommen. Vor zwei Jahren schon. Da entstand ihr zweites Studioalbum eher beiläufig. Das Wort Studioalbum führt eh auf die falsche Fährte, denn M.I.A. war vor allem draußen. Live vor Ort und auf der Straße, wo sie Menschen kennen lernen und Abstand nehmen wollte vom Hype, der sie nach ihrem durchgeknallten Debüt "Arular" 2005 weltweit einholte.

Wie man sich die letzten eineinhalb Jahre im Leben des ehemaligen srilankischen Flüchtlingskinds ungefähr vorstellen muss, zeigt uns M.I.A. im Videoclip zur Single "Boyz": Umringt von einer Hundertschaft jamaikanischer Boys gibt sie oldschoolig die an Straßenecken und auf Schrottautos hüpfende Vortänzerin, optisch bis an die Schmerzgrenze zugekleistert mit billigsten Farbeffekten aus Schwellenländer-Werbespots und natürlich in einer Choreographie, die dem ehemaligen Ostberliner Streetdancer Detlef D. Soost rote Flecken ins Gesicht treiben würde.
Hätte M.I.A. diesem Ungetüm aus zerhackstückten Horn-Fanfaren und Tribal-Rhythmen noch einen Refrain beigegeben, die Mutter aller fancy Outfits hätte mal wieder alles richtig gemacht. So vermisst man auf "Kala", das nach "Arular" (ihr Vater) nun fairerweise nach der Frau Mama benannt wurde, höchstens ab und an die Hook-Gewalt, die vor zwei Jahren ihre Songs "Galang" und "Amazon" auszeichnet. Was nicht heißt, dass die neuen Songs langweilen. Alleine um sich nicht zu wiederholen, erweiterte M.I.A. ihr Musiker- und Produzenten-Team um die alten Spezis Diplo und Switch mit zahlreichen Musikern, die sie bei ihren Sessions in Jamaica, Indien, Trinidad, Australien, Japan und den USA kennen lernte. Auf dem mächtig pumpenden "Mango Pickle Down River" liefert eine Aboriginee-Formation den Didgeridoo-Unterbau, für "Hussel" engagierte sie den seit seinem Afro-Grime-Partyheuler "One Day I Went To Lidl?" schwer im Kommen begriffenen nigerianischen Rapper Afrikan Boy. Beides Stücke, die in einer vorhersehbaren Pop-Welt von zwei unterschiedlichen Künstlern stammen müssten. Bei M.I.A. stehen sie in der Tracklist nebeneinander.
Vorhersehbar war vielleicht auch nicht ihre Zusammenarbeit mit Star-Produzent Timbaland, der ihr sicher nicht auf dem Wochenmarkt in Bombay in die Arme gelaufen ist. Vom ursprünglichen Plan, ihn als vollständigen Album-Produzenten anzuheuern, rückte M.I.A. im Laufe ihrer Weltreise (auch wegen einer US-Einreiseverweigerung) ab, übrig bleibt jedoch die grandiose Nummer "Come Around", an der auch die viel geschmähten Rapskills des Meisters stimmen.Gleich der Album-Start gelingt M.I.A. mit gewaltigem Getöse: "Bamboo Banga" poltert mit einem Drumcomputer los wie eine 80er New Order-Maxi, um anschließend in einen vorderasiatisch verzierten Rhythmusbrecher zu münden. "Somalia Angola Ghana Ghana Ghana Ghana / India Sri Lanka Burma Bamboo Banga", rappt M.I.A. mantragleich und zieht den Hörer sogleich knietief in ihren Melting Pot. Apropos New Order: Fast noch offensichtlicher als das gewollte Pixies-Zitat in "20 Dollar" ist die Akkordähnlichkeit der zähen Synthie-Bassline zu deren 80s-Hit "Blue Monday". Wie sich die 30-Jährige unbeschadet aus dieser Zitathölle heraus windet, ist nur ein Beispiel ihres Talents. In "Paper Planes" verarbeitet sie dann ein The Clash-Sample, begibt sich ins Hustle-Milieu und lässt im Refrain die Knarren sprechen wie sonst nur 50 Cent und Konsorten. Hier funktioniert ihr Songwriting ganz großartig und lässt vergessen, dass andere Appelle, etwa ihr hektisch zwitschernder Beitrag zur Vogelgrippe in "Birdflu", zwar frappierend an indische Käfighaltung gemahnen, aber nur bedingt hängen bleiben.Dennoch: Bewunderern ihrer ureigenen Melange aus Hip Hop, Dancehall, Electro und Grime wird hier ein 12-Gang-Menü serviert, dessen feuriger Nachgeschmack die ein oder andere fade Zutat vergessen macht. Schließlich zaubert M.I.A. mit "Jimmy" noch einen Bollywood-Burner aus dem Ärmel, der sämtliche Sampler dieser Stilrichtung aus den letzten zehn Jahren überflüssig macht.

Tracklist
  1. Bamboo Banga
  2. Bird Flu
  3. Boyz
  4. Jimmy
  5. Hussel (feat. Afrikan Boy)
  6. Mango Pickle Down River (with The Wilcannia Mob)
  7. 20 Dollar
  8. World Turn
  9. The Turn
  10. XR2
  11. Paper Planes
  12. Come Around (feat. Timbaland)



"Arular" 2005 - CD Review:
Dieser Sound ist neu. Dieser Sound ist fresh. Und dieser Sound rockt wie Sau. M.I.A. versucht sich auf "Arular" an einer zuvor nicht gehörten Melange aus Hip Hop, Dancehall, Electro, Grime, sowie traditionellen Tönen aus Sri Lanka. Die dort geborene Künstlerin straft all diejenigen Lügen, die sich eine Verschmelzung des Vorangesagten nicht vorstellen können
.M.I.A.s Stimme rotzt dazu dreckig, aber anmutig über die Beats und schreit dabei stets nach einem Vergleich mit Nelly Furtado. Allerdings wirkt M.I.A. eher wie eine aufmüpfige Zwillingsschwester der Kanadierin, die ihre Jugend nicht in den Dorfdiscos Kanadas verbracht hat, sondern in ruppigen Elektro-Schuppen im Londoner East End. Vor einer gewissen Nähe zum gerade groß angesagten Genre Grime ist die Künstlerin natürlich auch nicht gefeit.

Dennoch flowt M.I.A. auf ihre ganz eigene Weise. Sie setzt sich über die Brachialität dieser Beats hinweg und hält die Elektrobestien stets im Zaum. Ihren Rap-Vorlieben kommt man in diesem Style-Potpourri relativ schnell auf die Schliche. Zwischen den Zeilen ist die Verehrung einer Missy Elliot und eines Timbaland zu erkennen. Deren Sound ist zwar eingängiger und vielmehr einem Genre zuzuordnen, doch M.I.A. geht in ihrem Mut das eine oder andere Mal deutlich weiter, als es Missy und Timbo jemals wagten.
Dabei zeichnet M.I.A. vor allem ihre Unberechenbarkeit aus, sie entwirft ein Bild davon, wie vielseitig elektronische Töne klingen können. Dieser Fakt ist deswegen so herauszuheben, weil Alben dieser Art normalerweise die Einseitigkeit von Synthesizern meist nur unterstreichen. Hier klingt jeder Rums anders, und jeder Elektroklatscher hat seine Eigenart. Dass diese Töne auch noch politische Aussagen enthalten, macht das Album von Maya Arulpragasam, deren Vater der Gründer einer militanten Tamilengruppe auf Sri Lanka war, nur noch empfehlenswerter.
Gerüchten zufolge treibt sich M.I.A. derzeit in New York herum und hängt im Studio mit den Diplomats ab. Sogar der Meister selbst hat die junge Engländerin bereits gesichtet. Was da auf uns zukommt, ist beim besten Willen nicht zu erahnen. Bleiben wir gespannt und lassen uns bis dahin von "Arular" unsere Gehörgänge stimulieren.


Tracklist
  1. Banana Skit
  2. Pull Up The People
  3. Bucky Done Gun
  4. Sunshowers
  5. Fire, Fire
  6. Dash The Curry Skit
  7. Amazon
  8. Bingo
  9. Hombre
  10. One For Head Skit
  11. 10 Dollar
  12. URAQT